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Veröffentlicht: 2023-09-06

Herausforderungen der Modeindustrie im Jahr 2023

Die Modeindustrie steht vor tiefgreifenden Herausforderungen. Die COVID-19-Pandemie, bewaffnete Konflikte und Wirtschaftskrisen haben ein Umdenken ausgelöst, das in den kommenden Jahren teilweise zu erheblichen Umstrukturierungen führen wird. Zugleich beeinflussen Entwicklungen wie die Digitalisierung, der wachsende Ruf nach Nachhaltigkeit und ein zunehmend selbstbewusstes Konsumverhalten den Markterfolg einzelner Unternehmen. Dieser Artikel gibt einen Überblick über die zentralen Herausforderungen und Trends der Modebranche.

Abwägung verschiedener Herausforderungen im Jahr 2023

Datenquelle: The State of Fashion 2023 [PDF] - McKinsey

Die Folgen treffen nicht nur die Verbraucher – auch die Produktionsländer leiden teilweise erheblich unter wegbrechenden Exporten. Entsprechend vielfältig fallen die Umstrukturierungen aus, die Modeunternehmen derzeit planen.

Datenquelle: Revamping fashion sourcing: Speed and flexibility to the fore [PDF] - McKinsey

Auswirkungen der COVID-19-Pandemie

Laut dem McKinsey Global Fashion Index (MGFI) verzeichnete die Modebranche 2020 erstmals seit mindestens zehn Jahren ein negatives Wachstum. 69 Prozent der Unternehmen wiesen 2021 negative wirtschaftliche Ergebnisse aus, 80 Prozent der Modehäuser stornierten Bestellungen und 90 Prozent planten, bei ihren Lieferanten deutlich weniger einzukaufen. Die Umsätze brachen um rund 40 Prozent ein.

Begleitet wird dies von einer Straffung des Sortiments. Ein Drittel der Unternehmen plant, es in den kommenden vier Jahren um 5 bis 10 Prozent zu verkleinern, ein weiteres Fünftel sogar um 10 bis 20 Prozent.

Einige Regionen erholen sich deutlich schneller von der Krise als andere: In China lag das Luxussegment Ende 2021 bereits rund 70 bis 90 Prozent über dem Niveau von 2019, während vor allem Europa der Entwicklung hinterherhinkt. Trotzdem hat rund die Hälfte aller Unternehmen inzwischen erkannt, dass tiefgreifender Wandel auf sämtlichen Ebenen nötig ist.

Folgen für die Produktionsländer

Für Niedriglohnländer, deren Bruttoinlandsprodukt zu einem erheblichen Teil von der Bekleidungsproduktion abhängt, bedeuten Produktionsstopps nichts weniger als eine Wirtschaftskrise. Die Folgen tragen vor allem die Beschäftigten: Soziale Sicherungssysteme fehlen ebenso wie eine gesetzliche Gesundheitsversorgung, und da viele Arbeiterinnen und Arbeiter im Akkord bezahlt werden, fallen mit der Produktion auch die Löhne weg. Das Workers Rights Consortium hat 210 Fabriken in 18 Ländern mit insgesamt 160.000 Beschäftigten erfasst, denen allein im ersten Jahr der COVID-19-Pandemie rund 171,5 Millionen US-Dollar an Lohn entgangen sind.

Preiserhöhungen durch Inflation

Die globale Inflation treibt die Transportkosten erstmals seit rund einem Jahrzehnt in die Höhe. Gleich dahinter folgen die Rohstoffpreise. Für Unternehmen ist das seit 2022 die größte Herausforderung.

Datenquelle: The State of Fashion 2023 [PDF] - McKinsey

So sind etwa die Frachtkosten teilweise um das Vier- bis Fünffache gestiegen, und auch Rohstoffpreise und Löhne haben weltweit angezogen.

Datenquelle: Revamping fashion sourcing: Speed and flexibility to the fore [PDF] - McKinsey

Dass die Preise wieder sinken, ist nicht absehbar: Die Kapazitäten bleiben begrenzt, und CO2-Emissionen dürften künftig sogar noch teurer werden. Hinzu kommt, dass die Rohstoffpreise bis 2020 um bis zu 30 Prozent gestiegen sind.

Dem jüngsten Anstieg ging allerdings zunächst ein Preisrückgang voraus, sodass das historische Niveau noch nicht wieder erreicht ist. Einkaufsverantwortliche stehen damit vor großen Herausforderungen, können sich den Preiserhöhungen aber auch nicht vollständig entziehen.

Lieferkettenprobleme und Produktionsausfälle

Wie anfällig globale Lieferketten sind, hat die COVID-19-Pandemie besonders deutlich vor Augen geführt. Transportengpässe verursachten vielerorts Materialknappheit, und steigende Transportkosten trieben die Verbraucherpreise in die Höhe. Rund 49 Prozent der Unternehmen befürchten Auswirkungen auf ihre eigenen Lieferketten im Jahr 2022, während drei Viertel aller Unternehmen Lieferengpässe erneut als Hindernis für Flexibilität und Geschwindigkeit sehen.

Insgesamt wird deutlich, dass Lieferketten unmittelbar mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen zusammenhängen und Preisentwicklungen unter anderem auch von Wetterereignissen abhängen. Zerstört beispielsweise eine Überschwemmung einen Großteil der Baumwollernte, steigen die Rohstoffpreise spürbar an. Streiks wiederum führen zu Produktionsausfällen, während Wirtschaftskrisen, wie sie sich derzeit etwa für den chinesischen Markt abzeichnen, die Absatzmärkte massiv beeinträchtigen können.

Datenquelle: Revamping fashion sourcing: Speed and flexibility to the fore [PDF] - McKinsey

Fachkräftemangel durch den demografischen Wandel

Der Fachkräftemangel macht sich in der gesamten EU bemerkbar, doch kaum ein Land ist so stark betroffen wie Deutschland. Im Jahr 2022 klagten hierzulande knapp 43 Prozent über einen Mangel an qualifizierten Fachkräften – der höchste Wert in der gesamten EU. Die Mode- und Textilindustrie ist dabei mit einem Umsatz von 66,8 Milliarden Euro (2021) und 1,3 Millionen Beschäftigten ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Qualifizierten Nachwuchs zu gewinnen und zu halten, ist daher für den langfristigen Erfolg der Branche unverzichtbar.

Auch Nachhaltigkeitsthemen gewinnen im Wettbewerb um qualifizierte Beschäftigte zunehmend an Bedeutung. Rund 45 Prozent der Beschäftigten legen bei der Wahl ihres Arbeitgebers Wert auf eine sinnstiftende Tätigkeit. Neben Umwelt- und Klimaschutz betrifft dies auch die Unternehmenskultur, die ein flexibles, modernes und vielfältiges Arbeitsumfeld bieten muss.

Nachhaltigkeitstrend

Die Modeindustrie hat in Sachen Nachhaltigkeit enormen Nachholbedarf. Rund 20 Prozent des weltweiten Abwassers gehen auf ihr Konto, 85 Prozent der ausrangierten Kleidung landen auf Deponien, und der Energieverbrauch der Branche übersteigt den von Luft- und Seeverkehr zusammen. Fast Fashion treibt die Produktion von jährlich über 100 Milliarden Kleidungsstücken voran, während gleichzeitig Textilien im Wert von 450 Milliarden US-Dollar pro Jahr vernichtet werden. Durchschnittlich kaufen Verbraucher heute rund 60 Prozent mehr Mode als noch im Jahr 2000. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für ökologische Verantwortung, und Kaufentscheidungen fallen zunehmend nach Nachhaltigkeitskriterien. Wer langfristig am Markt bestehen will, muss sich diesen veränderten Ansprüchen stellen und die eigene Strategie entsprechend ausrichten.

Transparenzanforderungen

Neben der Forderung nach mehr Nachhaltigkeit stehen Lieferketten vor einer weiteren Herausforderung: den wachsenden Anforderungen an Transparenz. Spätestens seit das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) im Januar 2023 in Kraft getreten ist und die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD) auf EU-Ebene weiter voranschreitet, rücken Lieferketten verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit.

Fragmentierte Digitalisierung als Herausforderung

Auch vor der Modeindustrie macht die Digitalisierung nicht halt. Virtuelle Welten entwickeln sich zu einem bedeutenden Absatzkanal, der längst nicht mehr nur Luxusmodemarken vorbehalten ist, sondern zugleich neue Zielgruppen erschließt. Hinzu kommt, dass digitale Prozessstrukturen und agile Arbeitsweisen die Flexibilität deutlich steigern können – ein entscheidender Vorteil in einer Branche, die von kurzen saisonalen Zyklen geprägt ist.

Die Modeindustrie setzt bislang jedoch auf fragmentierte Digitalisierungsstrategien, die nur einzelne Geschäftsbereiche erfassen. Das Potenzial einer ganzheitlichen Kundenansprache, verlässlicher Datensicherheit und durchgängig digitaler Prozesse bleibt dabei weitgehend ungenutzt. Fehlende digitale Werkzeuge sind somit ein wesentlicher Grund für die mangelnde Flexibilität der Branche.

Datenquelle: Revamping fashion sourcing: Speed and flexibility to the fore [PDF] - McKinsey

Ob Industriespionage oder der Schutz von Verbraucherdaten: Mit der fortschreitenden Digitalisierung nimmt auch die Cyberkriminalität zu und zwingt Unternehmen, verstärkt in ihre Sicherheitsarchitektur zu investieren. 53 Prozent der Unternehmen rechnen bis 2022 mit einem erheblichen Angriff auf ihre eigene Cybersicherheit. Datenschutz und Datensicherheit müssen künftig fester Bestandteil der strategischen Ausrichtung von Unternehmen sein.

Verbrauchertrends in der Modeindustrie

Die COVID-19-Pandemie hat einen nachhaltigen Verbrauchertrend hin zu Wellness und Gesundheit ausgelöst. Auch die zunehmende Arbeit im Homeoffice hat den Absatz bequemer und funktionaler Freizeitkleidung angekurbelt und wird ihn weiter beflügeln. Letztlich bleibt jedoch der Preis das entscheidende Kaufkriterium.

Datenquelle: Global Fashion Industry: Trends, Consumer Shifts, and Outlook

Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit

Auch der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit hat sich im Zuge der COVID-19-Pandemie als Verbraucherforderung weiter verstärkt:

Allerdings zeigen Umfragen auch, dass die Prioritäten der Verbraucher beim Thema Nachhaltigkeit durchaus unterschiedlich ausfallen.

Datenquelle: German Fashion Consumer Panel 2022 [PDF]

Vor allem fehlen den Verbrauchern Zertifikate und Siegel, die eine nachhaltige Produktion belegen. Aber auch die Kosten nachhaltiger Materialien und weitere Faktoren erschweren den Kauf nachhaltiger Mode.

Datenquelle: The State of Fashion 2023 [PDF] - McKinsey

Für manche Verbraucher gibt es beim Kauf nachhaltiger Mode nach wie vor Hürden.

Datenquelle: Studie Fashion 2030 [PDF] - KPMG

Fluid Fashion als Ausdruck der Geschlechtsidentität

Je stärker das Bedürfnis wächst, die eigene (Geschlechts-)Identität auszudrücken, desto gefragter ist Mode, die genau diesem Anspruch gerecht wird. Vor allem die Generation Z sucht gezielt nach Begriffen wie „genderless“ oder „gender-neutral“ – Tendenz steigend. Für immer mehr Marken heißt das: Design, Marketing und Einkaufserlebnis müssen neu gedacht werden, um fließenden Geschlechtergrenzen Rechnung zu tragen.

Datenquelle: The State of Fashion 2023 [PDF] - McKinsey

Einfluss von Influencern und sozialen Medien

Social-Media-Influencer haben in den letzten Jahren erheblich an Bedeutung gewonnen. Ihre Wirkung auf eine aktive Followerschaft ist enorm: Kaufempfehlungen schlagen sich rasch in steigenden Verkaufszahlen der beworbenen Produkte nieder. Soziale Medien beeinflussen die Kaufentscheidungen von 20 Prozent der Verbraucher.

Datenquelle: German Fashion Consumer Panel 2022 [PDF]

Nicht selten entwickeln Konsumenten eine emotionale Bindung zu diesen angesagten Fashionistas. Für Unternehmen ergibt sich daraus die Aufgabe, die einflussreichsten Persönlichkeiten zu identifizieren und als Markenbotschafter oder für andere Kooperationen zu gewinnen. Im Gegenzug profitieren sie von deren Reichweite und der engen Verbindung zu ihrer Followerschaft. Dass die Marketingausgaben für Influencer von 1,7 Milliarden US-Dollar im Jahr 2016 auf 13,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 gestiegen sind, kommt nicht von ungefähr.

Besonders beliebt ist derzeit Live Shopping, das dem klassischen Teleshopping ähnelt. Der Unterschied: Influencer präsentieren die neuesten Markenprodukte, und ihre Follower sollen diese kaufen. Während der Live-Session gibt es zudem die Möglichkeit zur direkten Interaktion, was die Kundenbindung stärkt und ein interaktives Einkaufserlebnis schafft.

Secondhandkleidung im Trend

Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher greifen zu Secondhandmode: Rund 34 Prozent kaufen bereits gebrauchte Kleidung, weitere 28 Prozent können es sich vorstellen. Der Marktanteil von Secondhandkleidung soll in den kommenden Jahren auf 20 Prozent steigen.

Datenquelle: 2020 Resale Report - ThredUp

Die Gewinne im Bekleidungs-Resale werden von 15 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 auf 47 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 steigen – ein Wachstum, das elfmal schneller verläuft als in der Bekleidungsbranche insgesamt.

Datenquelle: 2020 Resale Report - ThredUp

Vor allem die Generation Z treibt die Umsatzsteigerungen im Secondhandbereich voran.

Datenquelle: 2020 Resale Report - ThredUp

Für Unternehmen der Modebranche bedeutet das entweder Umsatzeinbußen oder die Herausforderung, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, um in diesem wachsenden Marktsegment mitzuspielen.

Smarte Kleidung

Smarte Kleidung ist auf dem Vormarsch. In den USA trugen 2017 bereits rund 25 Prozent der Erwachsenen tragbare Geräte. Darunter fallen nicht nur Smartwatches, sondern auch Nylonhemden von Ralph Lauren, die den Herzschlag messen, Handtaschen, die das Smartphone aufladen, und smarte Trainingsshirts, die sich sowohl unter der Alltagskleidung als auch im Fitnessstudio tragen lassen.

Datenquelle: Fashion Study 2030 [PDF] - KPMG

Social Commerce

Social Shopping beschreibt das nahtlose Einkaufserlebnis von der Informationssuche bis zum Produktkauf. In-App-Checkout-Lösungen, Livestreaming und Augmented Reality sind nur einige der Schlagworte, die dabei zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die Generation Z und Millennials erwarten von Unternehmen, dass diese künftig deutlich digitaler auftreten. So würden etwa 71 Prozent verstärkt zu Marken greifen, die Augmented Reality in die Customer Journey integrieren.

Bereits 2021 nannten 37 Prozent der Unternehmen Social Commerce als eines der drei wichtigsten Themen für ihre Geschäftsentwicklung.

Entscheidend ist dabei, dass sämtliche Vertriebs- und Marketingkanäle miteinander vernetzt sind: von Instagram und Facebook über den eigenen Onlineshop bis hin zum stationären Angebot.

Onlinehandel vs. stationärer Handel

Die Bedeutung des Onlinehandels wird in den kommenden Jahren weiter wachsen. KPMG prognostiziert, dass der stationäre Handel bis 2030 nur noch einen Anteil von 50 Prozent ausmachen wird. In der Folge dürften die Einzelhandelsflächen in den Innenstädten schrumpfen, was weitreichende Anpassungen der Stadtentwicklungskonzepte erfordert, damit das innerstädtische Einkaufserlebnis nicht ausstirbt.

Allerdings wachsen nicht alle Onlineshops gleich schnell.

Datenquelle: German Fashion Consumer Panel 2022 [PDF]

Seit der COVID-19-Pandemie ist die Zahl der Fast-Fashion-Anbieter deutlich gestiegen, vor allem im Onlinehandel. Unternehmen wie Shein haben sich in den USA längst an die Spitze des Marktes gesetzt. Diese Direct-to-Customer-Marken (D2C) umgehen den klassischen Einzel- und Großhandel und verkaufen ihre Produkte direkt über eigene Websites, soziale Medien und hauseigene Apps. Ein Drittel der Unternehmen zählt D2C zu den drei wichtigsten Themen für ihre Geschäftsentwicklung. 79 Prozent der Unternehmen setzen bevorzugt auf Einzelhandelsnetzwerke und das Metaverse statt auf andere Marketingkanäle.

57,5 Prozent der Verbraucher bevorzugen beim Onlineshopping E-Commerce-Websites, während 42,5 Prozent auf markeneigene Apps setzen.

Datenquelle: German Fashion Consumer Panel 2022 [PDF]

Das Retourenproblem

Mit dem Wachstum des Onlinehandels verschärft sich auch das Retourenproblem. Während der COVID-19-Pandemie schnellten die Onlinekäufe in die Höhe, und mit ihnen die Retouren. Um die Retourenquote zu senken, müssen Markeninhaber ihre Retourendaten wesentlich genauer auswerten und so das Kundenverhalten besser verstehen. Häufig fehlt es schlicht an präzisen Produktbeschreibungen, denn die meisten Rücksendungen gehen auf Passform oder Stil zurück. Lösungsansätze gibt es bereits: Tools, die Computer Vision, 3D-Matching-Technologien und maschinelles Lernen kombinieren, ermöglichen virtuelle Anproben und können die Retourenquote um bis zu 40 Prozent senken.

Aktuelle Trends in der Modeindustrie

Die Digitalisierung hat Verbraucher von passiven Käufern zu aktiven Mitgestaltern gemacht. Sie wollen Produkte nicht einfach nur kaufen, sondern mit Marken in Dialog treten, Einfluss nehmen und diese aktiv prägen. Dabei sind sie bestens informiert, anspruchsvoll und verantwortungsbewusst. Ihre Erfahrungen mit Marken und Produkten teilen sie selbstverständlich über soziale Netzwerke. Für Marken liegt die große Herausforderung darin, diesen Erwartungen gerecht zu werden: Es gilt, digitale Markenwelten zu schaffen und Verbraucher über interaktive Einkaufserlebnisse auf mehreren Kanälen an sich zu binden. Daraus ergeben sich neue Anforderungen an Service und Erlebnisqualität, die zugleich kundenzentriert, personalisiert und kontextbezogen sein müssen. Doch nicht nur das veränderte Konsumverhalten treibt den Wandel voran, sondern auch die Folgen von Pandemien, Inflation und geopolitischen Unsicherheiten.

Nearshoring und lokale Produktion

Für Unternehmen liegt die zentrale Herausforderung darin, ihre Beschaffungsstrategien neu auszurichten und veränderte Prozesse in das eigene Lieferkettenmanagement einzubinden. Konkret zeichnet sich ein Trend zum Nearshoring ab: Unternehmen setzen zunehmend darauf, Mode aus geografisch nahegelegenen Ländern zu beziehen. Drei Viertel der Unternehmen planen diesen Schritt derzeit. 24 Prozent erwägen darüber hinaus, die Produktion wieder ins eigene Land zurückzuholen. Parallel dazu planen 47 Prozent der Unternehmen, die Zahl ihrer Zulieferer zu verringern und stattdessen auf weniger, dafür größere und zuverlässigere Hersteller zu setzen. Diese Entwicklung wird sich unmittelbar auf die Produktionsländer auswirken.

Datenquelle: Revamping fashion sourcing: Speed and flexibility to the fore [PDF] - McKinsey

Preiserhöhungen und Kostenoptimierung

Lieferengpässe und Produktionsausfälle ziehen unweigerlich Preiserhöhungen nach sich. So planen 72 Prozent der Unternehmen, ihre Preise 2023 anzuheben, während 37 Prozent angesichts der globalen wirtschaftlichen Unsicherheiten auf Kostenoptimierung setzen.

Datenquelle: The State of Fashion [PDF] - McKinsey

Recycling und mehr Nachhaltigkeit

Für 16 Prozent der Unternehmen ist Nachhaltigkeit die größte Chance der Modebranche:

Datenquelle: The State of Fashion 2023 [PDF] - McKinsey

Ein Drittel der Unternehmen plant, bis 2025 90 Produkte aus nachhaltigen Fasern herzustellen, weitere 24 Prozent wollen sogar die Hälfte ihres Sortiments daraus fertigen.

Kreislaufwirtschaft und geschlossenes Recycling sind längst mehr als Schlagworte, denn die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nur etwa 10 Prozent der Unternehmen setzen recycelbare Materialien in der Produktion ein, lediglich ein Prozent recycelt tatsächlich, und Jahr für Jahr fallen rund 40 Millionen Tonnen Textilabfall an. Andere Quellen gehen sogar von annähernd 100 Millionen Tonnen aus. Konkret zeigt sich dieser Wandel etwa in der Rücknahme gebrauchter Artikel, in Sortierprozessen und in der Wiederaufbereitung von Materialien.

Datenquelle: The State of Fashion [PDF] - McKinsey

Integrierte Digitalstrategien als Chance

Die Digitalisierung eröffnet Unternehmen vielfältige Möglichkeiten, den Strukturwandel erfolgreich zu gestalten. Entscheidend sind dabei integrierte Strategien, die über einzelne Maßnahmen hinausgehen. Zusätzlichen Schub erhielten erste Ansätze durch die COVID-19-Pandemie, in der digitale Methoden oft der einzige Weg waren, Prozesse reibungslos aufrechtzuerhalten.

Datenquelle: Time for change - How to use the crisis to make fashion sourcing more agile and sustainable - McKinsey

Blockchain-Technologie für Produktpässe

Immer mehr Unternehmen setzen auf Produktpässe, um der wachsenden Forderung nach Transparenz in der Lieferkette nachzukommen. Doch bislang gibt es nur wenige internationale Standards, die tatsächlich für eine bessere Authentifizierung und mehr Nachhaltigkeit sorgen.

Die Blockchain-Technologie ermöglicht es, jeden Schritt entlang der Lieferkette dauerhaft und jederzeit abrufbar zu dokumentieren. So lässt sich lückenlos nachvollziehen, woher ein Produkt stammt und welche Stationen es durchlaufen hat. Einmal erfasste Daten sind unveränderlich, was ein hohes Maß an Transparenz schafft und das Vertrauen in ihre Richtigkeit stärkt. Markeninhaber können diese Technologie nutzen, um ihre Nachhaltigkeitsziele umzusetzen und Lieferketten gezielt zu optimieren. Zudem eignet sich die Blockchain hervorragend im Kampf gegen Produktfälschungen, da sich Produktionsstätten und Herkunftsorte eindeutig zuordnen lassen.

Datenquelle: The State of Fashion [PDF] - McKinsey

Non-Fungible Tokens (NFTs) ermöglichen es Gamerinnen und Gamern, virtuelle Modeartikel zu kaufen und zu handeln. Rund 81 Prozent der Generation Z spielen regelmäßig Videospiele. Das Virtual Fashion Metaverse spielt dabei eine zentrale Rolle, doch auch andere Marktplätze haben sich auf NFTs spezialisiert. So verkaufte RTFKT im Februar 2021 600 Paar digitale Sneaker im Wert von 3,1 Millionen US-Dollar in nur sieben Minuten.

Virtuelle Mode für die digitale Identität

Mittlerweile haben sich Unternehmen ganz auf den digitalen Markt spezialisiert und bieten Verbrauchern die Möglichkeit, Mode rein digital zu shoppen. Fotos und Videos der neuesten Käufe lassen sich hochladen, und man bleibt im Trend, ohne dass der Kleiderschrank aus allen Nähten platzt. Schon während der COVID-19-Pandemie entstanden die ersten interaktiven Pullover und Pyjama-Anzüge, mit denen Beschäftigte bei Zoom-Konferenzen virtuell möglichst gut aussehen konnten. Dieser Beitrag zur Nachhaltigkeit war Investoren in einer jüngsten Finanzierungsrunde 2 Millionen US-Dollar wert. Virtuelle Kleidung könnte schon bald Realität werden.

Datenanalyse, maschinelles Lernen und KI

Vernetzte Managementsysteme ermitteln die günstigsten Handelsrouten und Transportwege und unterstützen Modeunternehmen dabei, lokale Vorschriften, Sanktionen oder Embargos einzuhalten. Zugleich lassen sich mit intelligenten Systemen die Lagerbestände so steuern, dass Angebot und Nachfrage optimal aufeinander abgestimmt, Überschüsse reduziert und Engpässe vermieden werden.

Durch den Einsatz von Datenanalyse lässt sich das Kundenverhalten detailliert auswerten, was ein intelligenteres und stärker kundenorientiertes Produktdesign ermöglicht. Schon heute erlaubt KI prädiktive Aussagen, die künftiges Kaufverhalten voraussagen. Davon profitieren alle Beteiligten: Kundinnen und Kunden erhalten Produkte, die optimal auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten sind, Unternehmen produzieren weniger Überschüsse und können ihre Kollektionen zum vollen Preis verkaufen, und die Umwelt wird durch weniger Überproduktion und Abfall entlastet. Algorithmen des maschinellen Lernens berechnen die Ausfallwahrscheinlichkeit von Lieferanten und prognostizieren so deren Zuverlässigkeit, sodass Unternehmen frühzeitig auf Risiken reagieren können. Darüber hinaus kann KI externe Daten wie Wettervorhersagen einbeziehen, um etwa Ernteausfälle zu berücksichtigen, und über intelligente Plattformen die Leistung entlang der gesamten Lieferkette optimieren sowie Kosten senken. Die Anwendungsmöglichkeiten sind vielfältig.

Datenquelle: Fashion Study 2030 [PDF] - KPMG

Allerdings ist der Umgang mit Kundendaten ein sensibles Thema, denn Datenschutz und Datensicherheit gewinnen weltweit zunehmend an Bedeutung. Umfragen zeigen, dass Nutzerinnen und Nutzer deutlich eher bereit sind, ihre Daten zu teilen, wenn sie dafür einen echten Mehrwert erhalten. Für Unternehmen ist das ein entscheidender Faktor in der Customer Journey.

Virtuelle Studios

Virtuelle Studios verkürzen nicht nur die Time-to-Market, sondern senken auch die Kosten. Statt Fotografenteams an weit entfernte Drehorte zu schicken, setzen innovative virtuelle Fotostudios auf Greenscreen-Aufnahmen. Bereits während des Shootings kann der Auftraggeber live mitverfolgen, wie sich das Model im Raum bewegt, ob vor einem verträumten südafrikanischen Strand, in den Bergen Alaskas oder in einer interaktiven Szene im Hintergrund. Die teils fantasievollen Kulissen lassen sich später problemlos wiederverwenden, und durch den Wegfall von Flugreisen fällt die Ökobilanz für Unternehmen durchweg positiv aus.

Auch virtuelles Sampling gewinnt zunehmend an Bedeutung. Zwar setzen virtuelle Produktmuster ein hohes Maß an Vertrauen in die Lieferanten voraus, doch sie machen die Produktentwicklung nachhaltiger und schneller.

Datenquelle: Revamping fashion sourcing: Speed and flexibility to the fore [PDF] - McKinsey

3D-Technologie in der Produktentwicklung

Digitale Workflows können nahezu jeden Schritt der klassischen Lieferkette vereinfachen und die unternehmerische Agilität steigern. 3D-Designs verkürzen die Time-to-Market, straffen Entscheidungsprozesse und abteilungsübergreifende Planung und heben die Qualität kreativer Prozesse auf ein neues Niveau. Physische Muster erster Entwürfe werden überflüssig, denn Passformanpassungen lassen sich in Echtzeit vornehmen, ebenso wie der Wechsel zwischen verschiedenen Stoffen und Texturen. Da fotorealistische Bilder zugleich als Grundlage für das Marketing dienen, hat 3D das Potenzial, zum neuen Standard in der Modebranche zu werden.

Ausblick

Die Modebranche durchlebt tiefgreifende Veränderungen, die sie vor zahlreiche Herausforderungen stellen. Inflation, die Nachwirkungen der Pandemie und geopolitische Umbrüche belasten Lieferketten und Preisgestaltung gleichermaßen. Zugleich treiben die wachsenden Forderungen nach mehr Achtsamkeit und die fortschreitende Digitalisierung den Wandel voran. Darin liegen nicht nur Risiken, sondern auch echte Chancen: für mehr Nachhaltigkeit, bewusstere Kaufentscheidungen und innovative Erfolgsstrategien.

Quellen

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